Am 19. März hatte die Klasse R 10c eine ganz besondere Geschichtsstunde: den Besuch von einer Zeitzeugin in ihrem Klassenzimmer. Anke Ludwig, die Großmutter einer Schülerin und Rektorin der Verbandsschule Kirchheim, nahm die Zehntklässler mit auf eine Reise in ihre eigene Vergangenheit: ihr Leben in der DDR.
Sie berichtete von ihrer glücklichen Kindheit und ihrem Alltag als junge Lehrerin in Thüringen, der sich schlagartig änderte, als sie zum 50. Geburtstag ihres Vaters nach Westdeutschland reisen wollte und hierfür eine Ausreisegenehmigung beantragte. Dieser Antrag wurde abgelehnt, weil man ihr eine Affinität zum Westen vorwarf. Daraufhin stellte sie für ihre ganze Familie einen Ausreiseantrag und von da an änderte sich für sie Vieles. „Sobald der Antrag bekannt war, wurde ich schikaniert“, erzählte Frau Ludwig. Kollegen, mit denen sie sich gut verstand, durften kein Wort mehr mit ihr wechseln. Offizielle Beurteilungen wurden plötzlich sehr negativ – ein System, das Abweichler gezielt ausgrenzte.
Schließlich kündigte sie, in der Hoffnung, dass sie aufgrund der veränderten politischen Lage – Ungarn hatte bereits einmal die Grenze zu Österreich geöffnet – bald offiziell ausreisen durfte. Im August 1989 erhielt sie schließlich die ersehnte Ausreisegenehmigung für sich, ihren Mann und ihre beiden Kinder. Der Weg führte die Familie schließlich nach Würzburg, wo sie sich ein neues Leben aufbaute.
Sehr interessant war es auch, zu erfahren, wie Frau Ludwig die Grenzöffnung am 9. November 1989 in Würzburg miterlebte. Sie wollte nämlich kurz darauf zurück über die Grenze, um ihre Mutter in der alten Heimat zu besuchen, wurde aber von den Grenzposten abgewiesen. Diese erklärten ihr, dass DDR-Bürger zwar ausreisen, sie aber nicht einreisen dürfte. So kehrte sie wieder nach Würzburg zurück und dort wartete glücklicherweise ihre Mutter bereits auf sie.
Die ganze Klasse war von Frau Ludwigs Erzählungen tief beeindruckt und hörte gebannt zu. Nach ihren Schilderungen über Linientreue und staatliche Überwachung erschienen den Mädels die eigenen Sorgen um die anstehenden Prüfungen plötzlich nicht mehr so wichtig. Allen wurde in dieser Geschichtsstunde klar: Freiheit ist keine Selbstverständlichkeit, sondern ein kostbares Gut.
Martina Weth

